Rottenhaag
2069
A Dystopian World
Design and Story by Caroline Tao Niang Schonert
based on the findings of my theoretical diploma thesis
in Film & Media / Focus Production Design
titled „Gray Future - Tendencies Towards Dystopia“
(orig.: „Graue Zukunft - Hang zur Dystopie“)
Filmakademie Baden-Württemberg April 2020
Advisor: Peter Popken
Verortung und Namensgebung
Verortet ist der Entwurf in der semi-fiktiven Stadt „Rottenhaag“ im Jahr 2069. Hollands Städte haben schon längst begonnen allmählich zusammenzuwachsen. Rottenhaag ist 2069 der neue Name der Megacity, die aus dem Zusammenschluss der Städte der Region Haaglanden enstanden ist: Rotterdam, Den Haag, Delft, Zoetermeer und deren Nachbargemeinden. Der Name ist nicht nur die Verbindung der Namen Rotterdam und Den Haag, sondern deutet in seiner Übersetzung auch auf den Zustand der Stadt hin: rot = faul, verrottet und haag = Befestigung, Sicherung beschreibt sowohl die langsam verrottenden Grundmauern der glänzenden Highrises als auch im übertragenen Sinn das verrottete Gefüge der Gesellschaft, in dem sich das Luxusleben der Wohlhabenden auf die verkommenen Wurzeln – die arbeitende Unterschicht – stützt.
Geografie, Städtebau und Architektur
Diese Dystopie malt ein Worst-Case-Szenario aus, auf Grundlage realer Entwicklungen und Prognosen. Es kursieren verschiedenste Zahlen bezüglich des Meeresspiegelanstieges durch den Klimawandel. Im Entwurf ist das Wasser so hoch gestiegen, dass es die Dämme der holländischen Küste nicht mehr aufhalten konnten. Die Niederlande wurde weitestgehend überschwemmt; nur die Großstädte, die zu groß, zu unentbehrlich für Wirtschaft und Kultur waren, versuchten sich mit immer höheren Dämmen in alle Richtungen vor dem nahenden Meer zu schützen. Rottenhaag ist eine der letzten befestigten Städte Hollands, weil hier eine neue, überschwemmungssichere Architektur gestaltet und weitläufig umgesetzt wurde.
Historie
Im Angesicht der unausweichlichen Flutung der Stadt (damals noch Metropolregio Den Haag-Rotterdam) wurden Exoskelette aus dem eigens entwickelten Baustoff CarbonitPlus um die bestehenden Gebäude errichtet und die Fundamente verstärkt. Diese Exoskelette können nach oben verlägert werden und bilden die Tragstruktur der aufgesetzten Hochhhauskonstruktionen. Die unteren überflutungsgefährdeten Stockwerke wurden unterdessen verschlossen, alle Durchbrüche abgedichtet und die Pumpen im Untergrund laufen ohne Unterlass. Als 2044 die Dämme den drückenden Wassermassen nicht mehr standhalten konnten, war Rottenhaag gewappnet. Die Bewohner, die es sich leisten konnten, waren bereits in Vloedsers, die Flut-Türme, umgesiedelt, die meisten ärmeren hatten die Stadt schon längst verlassen.
Den Haag-Rotterdam feierte medienwirksam seinen Sieg über die Mächte der Natur und nahm den neuen Namen Rottenhaag an. Auch nach dem Tag der Flutung, der zum regionalen Feiertag Verrijzenisdag erklärt wurde, wurde die Bautechnik weiter optimiert und umfassend angewandt. Es wurden mehr und mehr Hochhäuser mit C+-Konstruktionen versehen und aufgestockt, die Stadt wuchs unaufhörlich weiter – allerdings nur in die Höhe, denn in der Horizontalen war sie begrenzt von den ursprünglichen Dämmen.
Rottenhaag ist eine weitestgehend autarke Insel. Mit dem Rest der Welt wird Handel betrieben, doch in ihrer Grundversorgung ist die Stadt unabhängig. Nur Luxusgüter wie flächenintensive Nahrungsmittel, tierische Produkte und Holz werden importiert. Nach der dritten Welle der Klimamigration hatte Rottenhaag wie die meisten wohlhabenden Metropolen seine Grenzen geschlossen. Man versuchte so, die überforderte Bürokratie und die überfüllten unterirdischen Lager zu entlasten, die man in den alten Tunnelsystemen unter der Stadt eingerichtet hatte. Einwanderungsgesetze wurden verschärft und zahllose Geflüchete, die es bereits in die Stadt geschafft hatten, erhielten keinen Bürgerstatus. Die meisten wurden als Residents erfasst - Bewohner der Stadt, die zwar geduldet und für ihre Arbeitskraft mit dem Nötigsten versorgt werden, jedoch ohne Bürgerrechte zu besitzen. Aus den temporären Lagern im Untergrund wurde die Unterstadt, die kaum einer ihrer Bewohner je wieder verlassen hat.
links:
Querschnitt Rottenhaags.
rechts:
Ansicht der “Vloedser”: Unten sind die Reste der alten Wohngebäude zu sehen. Darum herum wächst ein Exoskelett nach oben und wird zur Tragstruktur der neuen Architektur.
Beobachtungen einer Bewohnerin
Devs Wohnstätte: ein alter Waggon des AtlanticLoop. Hier lebt und arbeitet sie. Links der Werktisch, rechts die Schlafbank.
Blick auf Rottenhaag von den Ruinen der ehemaligen Südstadt aus. Wo sich früher die Nieuwe Maas durch die Stadt schlängelte, verläuft nun der Damm und damit die Stadtgrenze. Die Stadtteile südlich des Flusses sind aufgegeben worden und sind nunmehr unbewohnbare Relikte eines vergangenen Zeitalters, die langsam vom salzigen Meerwasser zerfressen werden. Die Brücken sind abgebrochen worden, die kleinen Häfen und Anlegestellen überbaut. Einlass in die Stadt kann nur an den städtischen Großhäfen beantragt werden. Denn der Deich ist nicht nur eine Barriere gegen die See, sondern auch gegen Zuwanderung.
Die Aussicht eines Alpha-Citizen: Rottenhaags oberes Level.
Blick in eine Schlafkabine. Ein Bett, Displays und Stauraum für Kleidung und persönliche Gegenstände.
Die Schlafstätten der Arbeiter. Jedem ist eine Kabine als Unterkunft nahe der Arbeit zugewiesen.
Nutritionbars. Die Nahrung der Arbeiter wird ihrem errechneten Bedarf angepasst und gedruckt.
Devs Gehilfe bei der Arbeit:
Cody, eine ehemalige Sammeldrohne.
Der Plein. Eine alte U-Bahn-Station dient als Basar für den Handel im Untergrund.
Rottenhaag August 2069. Es ist dunkel in Devs Unterschlupf. Dunkel und still. Draußen an der Oberfläche ist es Tag, also schläft das Leben im Untergrund. Bald werden die ersten Residents aufstehen und ihre Schicht beginnen, damit die Versorgung der Bewohner oben rechtzeitig zum Morgen bereitsteht. Tageslicht gibt es ohnehin nicht, und so ist die Zeitverschiebung eine effiziente Lösung. Bis auf ein paar Angestellte an den Schnittstellen zur Upper City regt sich bis dahin nichts im Untergrund. Nicht offiziell, nicht im System. Von außen aus dem Tunnel scheint das blasse orange Licht der Notbeleuchtung durch die verdreckten Fenster ihres Waggons. Die Lichter innen sind aus, wie fast immer. Sie nutzt Licht nur zum Arbeiten, denn Strom ist hier unten kostbar. Heute jedoch hat dies noch einen anderen Grund: Devs neuste Errungenschaft funktioniert besser im Dunkeln. Die Notbeleuchtung summt und flackert, dann ist es wieder still. Dev macht sich bereit. Sie legt den Kopf in den Nacken, blinzelt, damit die Linsen richtig sitzen und atmet tief durch. Ihr Flüstern durchbricht scharf die Stille, als sie die Anwendung startet. „Access RCSS.“
Ihr Blickfeld versinkt in vollkommener Schwärze, bevor die Schemen ihrer Umgebung sich wieder verschwommen abzuzeichnen beginnen. Buchstaben leuchten in den AR-Linsen auf, grell weiß blenden sie Devs Dunkelheit gewohnte Augen.
Welcome to RCSS – Rottenhaag Community Security Service.
Retrieving identification data...
Dev hält die Luft an, während der neue Account überprüft wird.
Identified: User BC-e_sec4_dHK26.
Status: u3. Credit count: 4.372.
RCSS officer security level 4
Erleichtert atmet sie aus. Vins Code scheint keine Probleme zu bereiten. BC-e_sec4_dHK26 – nein, das ist nicht sie. Das ist der Beta Citizen, dessen Account Vin für sie gehackt hat.
Verifying access level...
Die Accounts der Alpha- und Beta-Levels gelten eigentlich als unhackbar – vor allem die der Civil Sec – doch irgendwie ist es Vin gelungen, ein paar Zugänge zu knacken. Mit deren Verkauf hat er sich vermutlich einen lebenslangen Vorrat an Nutes verdient. Dev selbst versteht nichts vom Hacken, zumindest nicht viel mehr als die Basics, doch sie versteht etwas davon, zur richtigen Zeit Gefallen einzufordern. Off-system sind Gefallen beinahe schon eine Währung – neben Nutes und Credits – und Dev verdient gut mit ihrem Geschäft.
Access granted.
Confirm data and proceed.
Dev tippt auf ihrem behelfsmäßigen Steuerungsdevice, um fortzufahren. Als Mol, wie die Systemfremden sich selbst bezeichnen, hat sie kein EES im Arm und ist selbst nicht vernetzt wie es Citizens und Residents sind.
RCSS Sec.Lvl.4
Choose streaming system.
- City Archive
- Satellite Cams
- Drone Cams
- Sec.Off. Lens Streams
- Private Lens Streams
Dev stockt der Atem, als sie die Liste der Streams sieht, auf die dHK26 Zugriff hat. Auf die sie nun Zugriff hat. Dieser Deal mit Vin hat sich eindeutig gelohnt. Im Untergrund gehen etliche Gerüchte um, wie es oben in den Alpha- und Beta-Levels aussieht. Genau weiß es niemand. Bis auf Dev hat kaum jemand jemals die Upper City betreten, geschweige denn eines der oberen Level. Ein paar alte Mols erzählen noch Geschichten von ihrem Leben damals an der Oberfläche, doch Dev weiß, dass es dort schon längst nicht mehr so aussieht. Aber auch sie hat noch nie ein Gebäude von innen gesehen oder Kontakt zu einem Citizen gehabt. Die Residents sind auf den oberen Ebenen nicht erlaubt. Und von oben besteht kein Interesse an einem Kontakt nach unten.
Dev wählt die Private Lens Streams aus.
Accessing PLS server…
Ihre Finger flitzen hastig über das Touchpad, sie kann ihre Erwartung kaum bändigen, während sie aufgeregt die Daten für einen Alpha Stream eingibt.
Select Level: Alpha Citizen / Beta Citizen / Gamma Citizen / Resident
Select Status: leading level 1 / lead.lvl.2 / lead.lvl.3 / employed / negative
Enter Purpose: ___ / random
Enter ID Code: ___ / random
Jedem Citizen und Resident ist ein Code zugewiesen, an dem sich ablesen lässt, wer er ist. Auf welchem Level er lebt, was er arbeitet, was er wert ist.
You are accessing the personal lens stream of Individual:
vBL06, Alpha Citizen, leading lvl. 2, agriculture engineer
Please respect privacy according to RCSS regulations.
Loading Data...
Ein Bild flackert auf, erst verpixelt, dann wird es langsam scharf.
Eine Frau sitzt am Fenster, den Blick auf die Stadt draußen gewandt. Die Spitzen etlicher Highrises wachsen glitzernd aus einer weichen Wolkendecke. Sie erstrecken sich bis zum Horizont. Dev bewundert staunend den Ausblick. So etwas hat sie noch nie gesehen.
Kein Schmutz, kein Abfall, keine Hektik, kein Gedränge – im Gegenteil, dort oben in den Wolken scheint die Stadt menschenleer. Die spiegelnden Fassaden erlauben keinen Blick hinein und draußen auf den Plateaus hält sich keiner auf. Natürlich nicht. Niemand geht bei dieser Hitze freiwillig nach draußen. Kein Wunder, dass es sie nicht schert, wie es den Leuten hier unten geht, denkt sich Dev. Sie sehen es nicht. Wahrscheinlich wissen sie nicht einmal, was jenseits der Wolkendecke geschieht.
Dabei sind es die Underground-Levels, die die Stadt am Laufen halten. Die Rohstoffe für die Kleidung, die oben im Dayfashion-Rausch täglich neu erstellt wird, werden unten aufbereitet. Baumaterial wird unten abgebaut und hergestellt. Gebäude und Einrichtung werden zwar oben vor Ort erstellt, doch die Maschinen dafür kommen aus den Fabriken unten. Nahrung wird unten produziert – sowohl Nutrition-Filament für die Grundversorgung, das in den Labors hergestellt wird, als auch luxuriöse natürliche Nahrung, die in Underground-Farms angebaut wird.
Der Gedanke daran macht Dev wütend und sie schaltet um.
Select Level: Alpha Citizen / Beta Citizen / Gamma Citizen / Resident
Select Status: leading level 1 / lead.lvl.2 / lead.lvl.3 / employed / negative
Enter Purpose: ___ / random
Enter ID Code: ___ / random
You are accessing the personal lens stream of Individual:
X318, Resident, employed, farmer
Loading Data...
Der Lens Stream eines Farmarbeiters ist zu sehen. Er scheint Frühschicht zu haben, denn er ist bereits dabei, seine Schlafkabine zu verlassen. Bijen werden die Arbeiter von den Mols genannt. Weil sie ihr Leben lang stumpf vor sich hin arbeiten, in einem einzigen Schwarm. Ohne eigene Ziele, eigene Entscheidungen, ohne eigenes Leben. Ihr geringer Verdienst geht an die Familien oder ein Sparkonto, von dem sie hoffen, ihre letzten Jahre leben zu können. Sie werden von der Stadt mit Nahrung versorgt; Nutritionbars nach akut erfasstem Bedarf, frisch aus dem Printer. Ihr Leben findet, wenn sie es sich nicht leisten können, an ihrem freien Tag zu ihrer Familie zu fahren, nur zwischen Kantine, Arbeitsstätte und der nahegelegenen Schlafkabine statt.
Besonders maschinelle und handwerkliche Arbeit findet im Untergrund statt, und alles, was großer Flächen bedarf. Während digitale Arbeiten an die Mittelschicht fallen, wird alles, was laut ist, stinkt, Platz und billige Arbeitskräfte braucht, unterirdisch produziert. Viele dieser Einrichtungen waren in stillgelegte Bahntunnel gebaut worden. Man nutzte vor allem die zahlreichen unterirdischen Räume des Verkehrsnetzes, die nicht mehr gebraucht wurden. Denn in den 2030ern hatte Den Haag eine Initiative zur Integration neuer Mobilitätskonzepte begonnen, die 2044 mit der radikalen Abschottung Rottenhaags unvermittelt abgebrochen wurde. Bestehende Verbindungen wurden gekappt, der Bau der oberirdischen Magnetschwebetrassen wurde eingestellt und das Pilotprojekt AntlanticLoop aufgegeben. Der ausgehöhlte Untergrund wurde bald darauf zunächst für die ursprünglich temporär angelegten Migrantenlager genutzt und wenig später begannen die ersten unterirdischen Fabriken und Farmen diese Räume auszubauen und zu füllen.
Die Schlafstätte, die sich vor Devs Augen bis weit ins Dunkel erstreckt, scheint jedoch ein eigens gegrabener Raum zu sein – zu groß für die Strukturen des Verkehrsnetzes. Noch summt es nicht im Bienenstock, nur X318 und ein paar vereinzelte Kollegen sind schon auf den Beinen. Das X in seinem Code bedeutet, dass ihm niemand einen Namen gegeben hat. Nicht einmal er selbst. Dev schluckt. Mitleid beginnt in ihr aufzusteigen, doch für Mitleid hat sie keine Zeit. Es gibt so viele Xe da draußen und sie kann es sich nicht leisten, sich um jemand anderen zu sorgen als sich selbst.
Sie beendet den Stream und nimmt die Linsen heraus. Anders als die registrierten Bürger und Bewohner, denen ab dem 11. Lebensjahr AR-Lenses eingepflanzt werden, um sie in das städtische Kommunikationssystem einzubinden, sind Devs entfernbar. Sie hat sie vom Plein, dem Schwarzmarkt der Untergrundbewohner. Die meisten Mols haben keine AR-Linsen und auch keinen Code. Die Linsen projizieren Informationen, Anweisungen, Nachrichten auf das Auge und funktionieren zugleich als Tracker, damit jeder jederzeit geortet werden kann. Durch die Überwachung der Lens-Streams sorgt der RCSS für Ordnung in der Stadt.
Beinah alle Levels werden überwacht. Die einzigen, die der RCSS nicht im Blick hat, sind die Mols, die Untergrundbewohner außerhalb des Systems. Die Ebenen unterhalb der Produktionsstätten werden von oben nicht kontrolliert – solange sie für oben keine bemerkenswerten Probleme verursachen. Hier gilt eine eigene Ordnung. Die Gangs und Clans bestimmen die Regeln und kontrollieren den Großteil der Geschäfte. Die meisten Clans sind Zusammenschlüsse von Großfamilien, hauptsächlich Klimamigranten und deren Nachfahren. Dev gehört keiner dieser Gruppen an. Ihre Mutter, die mit der zweiten Migrationswelle nach Rottenhaag gelangt war, war von ihrem Clan verstoßen worden, als sie sich für Devs Vater, einen gefallenen Journalisten, entschieden hatte. Die Gefallenen, ehemalige Bewohner der Upper City, deren Creditcount unter das erforderliche Level gesunken ist, sind bei den radikaleren Clans nicht gern gesehen. Viele Journalisten waren damals gefallen, als die Stadt beschloss, unabhängige Medien gänzlich abzuschaffen. Journalismus wurde schlichtweg nicht mehr für nützlich befunden und die Base Credits für ihren Berufsstatus wurden gestrichen. Für Devs Vater, der sein ganzes Leben seinem Beruf gewidmet hatte und so kaum extra Credits gesammelt hatte, war dies das soziale Todesurteil. Er wurde enteignet und musste im Untergrund eine neue Existenz aufbauen. Devs Eltern hatten sich während des ersten gemeinsamen Aufstands der Mols und der Bijen kennengelernt. Beim zweiten waren sie gestorben. Einen weiteren Aufstand hatte es nach den verschärften Maßnahmen der Stadt seitdem nicht mehr gegeben.
Jetzt lebt Dev allein, ganz unten. Auf der untersten Ebene der Stadt und am untersten Ende der Nahrungskette. Ein alter Waggon des AntlanticLoop dient ihr als Schlafplatz und Werkstatt. In ihrem Tunnel leben kaum Menschen, zu abgeschieden ist er von den Produktionsstätten und den Zentren der Clans. Ein improvisiertes Sicherheitssystem hält ihr Diebe vom Leib und schützt ihr Hab und Gut, vor allem aber sind es die Deals mit den Clans, die sie vor Übergriffen bewahren. Solange sie ihnen von Nutzen ist, ist sie sicher. Zugleich sind die Clans ihre besten Kunden. Zwar zahlen sie nicht gut, doch kaufen sie regelmäßig beinah alles, was Dev ihnen anbietet. Denn ihre Ware ist rar. Viele Mols verdienen ihre Nutes mit dem Sammeln und Recyceln von Abfällen, doch ist Dev eine der wenigen, die sich dafür an die Oberfläche wagt. Die meisten wissen nicht, wie sie nach oben gelangen oder trauen sich nicht. Die Mols werden weder wie die Bijen mit Nutes versorgt, noch haben sie Zugang zu den Gütern und Produkten der Citizens, daher versorgen sie sich über den Plein. Alle möglichen Waren gelangen auf den unterschiedlichsten Wegen dorthin. Manche Mols haben Connections, manche zwacken etwas bei den Produktionen ab, manche fangen Sendungen aus dem unterirdischen Postsystem ab oder sie bestehlen Bijen. Wer etwas auf dem Plein ersteht, fragt für gewöhnlich nicht nach, wo es herkommt. Der Plein, früher eine U-Bahn-Station und eine der wenigen trockenen Hallen, ist der größte Handelsplatz der Mols. Täglich strömen die Bewohner des Untergrundes hier zusammen, um Waren und Neuigkeiten auszutauschen. Dev verbringt ihre Tage mit dem Reparieren und Bauen von Geräten und dem Handeln. Die meisten Nächte streift sie durch die Abfälle der Citizens und sammelt alles, was sich zu etwas Brauchbarem verarbeiten lässt.
Durch einen alten Aufzugschacht gelangt sie nach oben, wo sie unter einer Plane verborgen ihr selbst-gebautes Boot vertäut hat. Der rostige und mehrfach geflickte Rumpf ist die untere Hälfte eines ausrangierten Podcars – eines weiteren begonnenen und abgebrochenen Mobilitätsprojektes. Die Schnittkante ist überplättet mit den Resten des Daches. Dort, wo das Carbongewebe des Sessels aufspringt, schaut die gelbliche Gelfüllung hervor, notdürftig geflickt mit Aluminiumdraht.
An der Oberfläche sammelt Dev brauchbare Teile aus den Abfällen der Oberschicht. Wer nicht auf das Pfand für recyceltes Filament angewiesen ist, wirft einfach hinunter, was ausgedient hat, da sich hier unten keiner gestört und erst recht nicht verantwortlich fühlt. Vor allem Kleidung findet sich dort, da die 3D-gedruckte Mode meist nur einen oder wenige Tage anhält. Manchmal ist sie unbeschädigt und lässt sich direkt verkaufen. Häufig hat der Vorbesitzer sie allerdings zerschnitten, damit die Mode der Reichen nicht an den Armen zu sehen ist. Solche Teile bringt Dev zu einem Freund, der aus den Resten neue Kleidung zusammenflickt, um sie zu verkaufen. Im Gegenzug bekommt sie selbst zusammengeschneiderte Kleidung von ihm. An den meisten Tagen lässt sich die Mode des Vortages am Abfall unten ablesen. Über dem Wasserspiegel gähnen die leeren Löcher der Geistergeschosse. Hier unten, wo das Wasser steht, lebt nichts mehr. Bis zum vierten Stock ist das Meer mittlerweile gestiegen. Innerhalb der Exoskelette faulen die unbewohnbaren Altbauten, die Basis der Stadt verrottet langsam, während oben immer höher gebaut wird. Nur Drohnen schwirren überall umher – Postdrohnen, Reparaturdrohnen und Sammeldrohnen, die alles einsammeln, was von den Abfällen, die sich täglich aufs Neue auftürmen, noch zu recyceln ist. Es sei denn, es fällt Dev zuerst in die Hände.
Um nicht entdeckt zu werden, schickt Dev meist Cody vor, eine ehemalige Sammeldrohne, die sich im Abfall verfangen hatte und leergelaufen war. Vin hat seine Programme für sie überschrieben und nun dient Cody ihr als Spion und Helfer. Dev ist gut aufgestellt. Ein gutes Netzwerk, gute Ausrüstung und die nötigen Fähigkeiten für ein Leben im Untergrund. Kein komfortables Leben, nein. Aber ein besseres als die meisten hier unten.
Dev schaltet das Licht in ihrem Waggon ein und starrt auf die Kontaktlinsen in ihrer Handfläche. Dieser Zugang, diese Informationen könnten für sie sehr rentabel sein – oder sehr gefährlich. Wenn der ganze Untergrund sähe, wie die oberen Levels leben, könnte dies womöglich einen dritten Aufstand auslösen. Dev schüttelt den Kopf und verstaut die Linsen in ihrem Versteck unter den Bodenplatten. Am nächsten Morgen würde sie sie zerstören. Sie hat kein Interesse an einem weiteren, blutigen Aufstand. Ihr Leben funktioniert und das reicht ihr.
Oder?
An der Oberfläche. Dev streift durch die Abfälle der Oberschicht auf der Suche nach brauchbaren Materialien. Die verrottenden Altbauten sind ausgestorben, die Stadt auf den unteren Stockwerken menschenleer.